fleisch oder plastik?

faszination hyperrealismus

17. September 2019

Gemälde oder Foto? Skulptur oder Mensch? Der Fotorealismus hat nicht zuletzt durch soziale Medien zunehmend an Popularität gewonnen. Realistische, objektive Darstellungen und Fotografie hatten es anfangs schwer in der Kunst Anerkennung zu finden, obwohl der Wunsch perfekten Abbildungen schon Jahrtausende alt ist. Über die Anfänge bis zur Gegenwart einer faszinierenden Disziplin und fünf der bemerkenswertesten Künstler.

 

Der Fotorealismus oder Hyperrealismus, eine Abwandlung des Realismus, entwickelte sich erstmals in den 70er Jahren. Die zumeist bunten, gestochen scharfen Kunstwerke enthalten Elemente des Pop Art. Die Welt realistisch in der Kunst zu reproduzieren (im Sinne der Detailtreue ohne wertenden Einfluss), begannen einzelne Künstler 100 Jahre zuvor und wurden stark kritisiert.

 

 

Kunst ohne Botschaft?

 

Kunst sollte damals immer eine Botschaft haben und dürfe nicht ohne tiefere Bedeutung die Wirklichkeit kopieren. Diese Realität sei es, laut dem deutschen Schriftsteller Friedrich Schiller, ohnehin nicht wert, dargestellt zu werden. Die Fotografie, welche schon ab 1850 als Kunst betrieben, jedoch erst im frühen 20. Jahrhundert als solche anerkannt wurde, spaltete anfangs die Gemüter: durch Fotografie dargestellt ließen sich nur schwer Bedeutungsunterschiede der verschiedenen Bildelemente (Vorder- und Hintergrund hatten in der Malerei immer eine Bedeutung) ausmachen und der Rang der Dargestellten war nicht mehr klar zuzuordnen.

 

Deshalb galten Fotografie und Realismus gleichermaßen als demokratisch. (Vgl. Heinz Buddemeier: Panorama, Diorama, Photographie. Entstehung und Wirkung neuer Medien im 19. Jahrhundert. Untersuchungen und Dokumente, Fink, München 1970, S. 93.)

Doch der Trend setzte sich mit der neuen Sachlichkeit, in den 1920er, fort und durch Weiterentwicklung der Fotografie war die Perfektionierung dieser Darstellungsform nicht mehr aufzuhalten.

„Als mich ein Kunstkritiker fragte, wie ich diese Maler nennen würde, die Kameras und Fotografien als Grundlage für ihren Malprozess nutzen, antwortete ich: ›Ich weiß nicht so recht ... Vielleicht fotografische Realisten ... Nein! Fotorealisten ...‹“

(Louis K. Meisel, New Yorker Kunsthändler)

 

Damit war der Begriff ‚Fotorealismus‘ geboren. Eine bis heute umstrittene Stilrichtung, denn die Gemälde und Skulpturen lassen nicht selten ihre Betrachter erschaudern. Das voyeuristische Gefühl bei der Betrachtung eines kürzlich Verstorbenen oder einer Frau nach der Geburt (Werke von Ron Muek), stellt sich unmittelbar ein und die plötzliche Distanzlosigkeit zu vermeintlich realen Menschen in intimen Situationen irritiert uns in der anerzogenen Moralempfindung.

 

Die Grenze zwischen Realität und Kunst war nie so fließend, nicht zuletzt durch den Einsatz modernster Arbeitstechniken und Materialien. Die Hemmschwelle naturgetreuer (weiblicher) Körper in verfänglichen Szenen abzubilden wird deutlich, betrachtet man den Umstand, dass es in den 70ern kaum Frauen gab, die naturgetreue Skulpturen schufen.

Über die Anfänge

Die Ausstellung ‚Die große Illusion – veristische Skulpturen‘ Liebieghaus widmete sich 2015 dieser Darstellungsform, die über 4000 Jahre alt ist. Die Ausstellung verdeutlich einmal mehr, wie alt der Drang der Menschheit ist, perfekte Abbildungen unserer selbst zu schaffen.

 

Obwohl sich seit den 1970er fortschrittlichste, technische Möglichkeiten entwickelt haben, bläuliche Adern, Barthaare und Hautschüppchen darzustellen, sind Jahrhunderte alte Skulpturen beachtenswert nah an der Realität, für die damals zur Verfügung stehenden Mittel.

Im Gedächtnis geblieben ist den Besuchern eine Christus Statue aus dem 17. Jahrhundert. Dem gegeißelten Christus hängt die gerissene Haut in Fetzen und der Anblick schock das Publikum mit einer für die Epoche unerwarteten Detailtreue. Ohne Silikon, Fiberglas und echte Haare.

 

 

Heutige Meister ihres Faches

Carole A. Feuermann

Carole A. Feuermann galt als Vorreiterin (neben den beiden Künstlern Duane Hanson und John d’Andrea), betrachtet, man die Gründung dieser speziellen Bewegung, wie wir sie heute kennen. Als Frau stand sie anfangs einsam an der Spitze, zu prekär eilte dem Fotorealismus eben besagter voyeuristischer Ruf voraus.

 

Diese ‚platte‘ Interpretation ist heutzutage weitestgehend vom Tisch. Realistisch bis ins Detail transportieren Künstler Inhalte und rühren durch Darstellung sensibler Themen zum Nachdenken an.

 

 

Die Skulpturen des Hyperrealisten Ron Mueck sind nicht selten über 5 Meter hoch oder füllen ganze Säle aus. Sieht man Bilder der Ausstellungen, ist die Dimension erst greifbar, wenn ein vermeintlich winziger Museumsbesucher die Illusion der perfekten Täuschung löst.

Seine Skulptur "A Girl" von 2006 wiegt 500 kg und stellt die Organisatoren vor logistische Herausforderung.

Pedro Campos

Auch wenn komplexe Szenerien wie Leben und Tod in dieser Stilrichtung häufig thematisiert werden, geht es vielen zeitgenössischen Malern des Fotorealismus um die perfektionierte Darstellung einer konkreten, augenblicklichen Perspektive ohne persönliche Wertung, sogar die betonte Subtraktion dieser.

 

Der Künstler Pedro Campos, der Restaurierung in Madrid studierte, nannte grade diesen Aspekt als essenziell für das Schaffen eines fotorealistischen Werkes, denn nur ein Weg führe zum Ziel. Das Abstellen des eigenen Egos im Moment der Arbeit, da es sonst unweigerlich in diese einzufließen drohe, müsse trainiert werden.

 

 

Schärfer und genauer als die Wirklichkeit, das ist die Grenze der Kreativität eines Stils, dem Kritiker Oberflächlichkeit, Anti-Intellektualität, sogar puren Kopistenvirtuosität nachsagten.

 

Campos startete seine Karriere erst mit 30 Jahren, arbeitete zuvor als Illustrator für Werbeagenturen und dekorierte Nachtclubs und Restaurants.

Die Arbeit als Restaurator schäfte seine Wahrnehmung für die Problematiken der Reproduktion. Die technische Übertragung von Farbe, Struktur und Licht bleibt eine respekteinflößende Herausforderung, allem Spöttern zum Trotz.

Diego Fazio

Beeindruckend was manche Künstler trotz High - Tech- Möglichkeiten mit Papier und Bleistift schaffen. Der Italiener Diego Fazio ist ein mehrfach preisgekrönter Meister dieses Faches.

Fazio stellt die Technik in den Mittelpunkt, nicht die Motive, welche zwischen Film und Musik variieren. Seine Bilder, die Vielfalt des Detailreichtums der Hell- und Dunkeltöne (mehr gibt es bei Bleistiftzeichnungen nicht) erstaunen und berühren zugleich. Erwähnenswert ist, dass der Künstler, nicht als Einziger übrigens, Workshops anbietet, in denen er sein Wissen weitergibt, Termine einsehbar unter diegokoi.it

 

Fazio stellt die Technik in den Mittelpunkt, nicht die Motive, welche zwischen Film und Musik variieren. Seine Bilder, die Vielfalt des Detailreichtums der Hell- und Dunkeltöne (mehr gibt es bei Bleistiftzeichnungen nicht) erstaunen und berühren zugleich. Erwähnenswert ist, dass der Künstler, nicht als Einziger übrigens, Workshops anbietet, in denen er sein Wissen weitergibt, Termine einsehbar unter diegokoi.it

Don Eddy

Eine weitere bemerkenswerte Technik ist die des Kaliforniers Don Eddy, der Spezialist für Spiegelungen wie Chromstoßstangen, Schaufenster und Silbergeschirr. Eddy, der eine Dozentur an der New Yorker Dozentur bekleidete, verhalf zusammen mit anderen Künstlern dieses Faches dem Fotorealismus auf der Documenta 5 im Jahr 1972 zum Durchbruch

Auch er mal nach Fotovorlagen, doch als ob das nicht schon anspruchsvoll genug sei, spezialisierte sich Eddy auf Spiegelungen wie Chromstoßstangen, Schaufenster und Silbergeschirr.

Und das Ganze mit einer Airbrush- Technik, durch die tausende von Farbpunkten dargestellt werden können.

Eine große Auswahl seiner Arbeiten gibt es auf seiner Homepage zu sehen.

Silverware II, 1976 / Quelle: www.doneddyart.com

Summer shoes, 1972 / Quelle: www.doneddyart.com

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