kolumne

in eigener sache #3

23. Februar 2020

Mein Handy und Meister

Als ich letztens ein sehr interessantes Youtubevideo zum Thema ‚Leben ohne Internet‘ sah, ahnte ich natürlich nicht, wie schnell sowas eintreffen kann. Vielleicht hätte ich mir ein Video über einen Lottogewinn ansehen sollen…? Wie es im Leben so geht, der Mist passiert schnell, Lottogewinne eher nicht.

Vor ungefähr 3 Wochen ging mein Handy plötzlich aus und nicht wieder an. Alltag, aber wozu drüber schreiben? Weil dieses Gerät uns so in Beschlag genommen hat, das plötzliche Verluste des bloßen Zubehörs, die Kolumnisten der New York Times dazu bewegen drüber zu schreiben. Und auch das Monopol Magazin beschäftigt sich mit der Auswirkung des Airpods-in-den-Ohren-lassens auf das Sexualleben. Bei mir war die Sache allerdings schon etwas dramatischer und da wirklich bemerkenswerte Erkenntnisse gewonnen werden, wenn man bei Totalverlust plötzlich von der Außenwelt abgeschnitten ist, kommt hier mein Bericht.

Ja, Apple- Hasser dürfen jetzt schadenfroh, schäbig und laut lachen: Der Bildschirm schwarz, nichts ging mehr. Der nächste Absturz, folgte keine 24 Stunden später: Während mein iPhone samt Karte noch beim Reparaturdienst lag, ging das uralte Ersatz- iPhone ebenfalls aus. Apple, sowieso nicht grade für Fairplay bekannt, hat wohl ältere Geräte aussortieren wollen. Ich bin selbst Schuld, Sklave ihrer Technik zu sein, ich weiß es. Selbsterkenntnis ist der erste Weg, um alles so zu lassen wie es ist.

Meine erste Reaktion: Ach, scheiß drauf, entspann Dich... nicht erreichbar zu sein, tut auch mal ganz gut und wozu brauchst schon Dein Handy? Für nichts, was nicht bis Montag warten kann. Für den Rest hast ja Deinen Laptop. Also öffnete ich diesen, um wenigstens einen Blick in meine Emails zu werfen (20 Sekunden vorher wollte ich die Einsamkeit noch genießen. Schätzungsweise waren das bereits erste Entzugserscheinung). Nach der Feststellung, dass ich noch 8% Akku habe, bemerkte ich das Fehlen meines Ladekabels. Es war im Büro geblieben. Natürlich war es Freitag und selbstverständlich war auch keine Wochenendarbeit geplant. Ich hatte also zu allem Unglück frei und 8% Zeit um den wichtigsten Personen mitzuteilen, dass ich ab gleich nicht erreichbar bin und auch nicht genau weiß wann, was, wo und überhaupt…  

 

Aufsteigende Panik unterdrückte ich bereits seit mir der Handy Doktor seine düstere Diagnose mitteilte: das Handy wird wieder, kann Montag abgeholt werden, aber er muss es, neben einigen Reparaturen, zurücksetzen. Auf Null. Backup? Ja, hab ich… also geht doch irgendwie automatisch. Oder? Was wenn nicht? Was, wenn die ominöse Cloud auch einen Zusammenbruch hat? Es sind nur 14.000 Fotos von unvergesslichen Momenten, die unwiederbringlich verloren gehen und die ich nie wieder erleben werde. Alles halb so wild.

 

Erfolgreich die Panik verdrängend, war ich fest entschlossen, wenigstens übers Wochenende die Ruhe zu genießen und versuchte mich an die 90er zu erinnern. Fühlt sich sehr authentisch an. Ich saß auf meinem Bett und beschloss zu lesen. Ach ja, ohne Handy/ Laptop geht es schlecht und ein richtiges Buch mit richtigem Papier, war in dem Moment nicht meines, zu spannend meine Kindle Lektüre. Hörbuch hören viel genauso flach, wie Wecker stellen und spätestens nach drei Fails in diesen wenigen Minuten am Ende des ersten Tages, ahnte ich, wie Retro mein Wochenende wirklich werden würde. Ohne Meeresrauschen- ASMR schlief ich ein.

Der nächste Tag begann, wie der Vorherige endete: Auf dem Weg zum morgendlichen Sport, geriet ich in einen Stau, den mir das Navi meines nicht- vorhandenen Handys nicht hatte anzeigen können. Mist, ich musste noch einen Geschäftspartner anrufen .. keine Nummer, kein Problem, ich schreibe ihm einfach eine Mail .. Ach, geht ja nicht, ich schreib ihm über Insta…. Bei jedem dieser automatisierten Gedanken klang im Geiste ein lautes Buzzer- Geräusch wie in den Gameshows meiner Jugend. MÄÄÄP. Ich kam den 90er erschreckend nah.

 

Es war Samstag früh und gefühlstechnisch dauerte es bis Montag noch 200 Jahre modernen Fortschrittes, bis ich wieder aus der digitalen Versenkung auftauchen konnte. Meine Gedanken kreisten um eventuell verpasste Termine. Keine schriftliche Notizen, alles in meinem Handy. Ich versuchte meinen Terminkalender zu rekonstruieren, während ich von einem ekelhaft süßen Fitnessdrink trank. Wieviel Zucker da wohl drin ist? Moment, kurz den Barcode gesca... MÄÄÄP! Ich begann zu fantasieren: was mache ich eigentlich im Falle einer Autopanne ohne Handy? Hoffen das jemand vorbei kommt und mir hilft? Was, wenn ich nachts im Dunkeln auf einer einsamen Landstraße mitten im nirgendwo stehenbleibe? Am besten, ich verlasse das Haus nicht mehr… Apropos: Termin beim Steuerberater, Montag früh … 45 Minuten Autofahrt ins Ländliche nach… Besitze ich eigentlich eine Landkarte? Werde ich sie lesen können, während ich fahre? Darf man das überhaupt oder gilt das gleiche, wie beim Blick aufs Handy??

10.45 Uhr. Panisch griff ich nach einem gebrauchten Uralt- Telefon im Handyladen. So groß wie mein Föhn, aber für 20 € war ich zumindest telefonisch mit meiner Umwelt verbunden. Also mit meinen Eltern, denn die waren die Einzigen, deren Nummer ich auswendig kannte. Mein Vater hatte meine Email seit dem vorherigen Abend nicht mal gelesen. Meine digitale Abwesenheit war niemandem aufgefallen, keine Vermisstenanzeige, nichts. Um es kurz zu machen: ich lebe noch (oder wieder?) und meine 14.000 Fotos leben auch noch. Nur mein Telefonbuch und Terminkalender sind nicht zur Cloud und wieder zurück.

 

Heute ist einer dieser super tollen Tage, an denen alles hätte besser laufen können. Mit diesem ätzenden Gefühl im Nacken etwas vergessen zu haben, kam ich von der Arbeit nach Hause. Ein Glas Wein und noch bisschen Homeoffice. Zur fortgeschrittenen Uhrzeit fiel mir dann auch ein, was ich vergessen hatte und es war nicht das Ladekabel: die Eröffnung Pablo Picassos Kriegsjahre 1939 - 45 im K20 mit Vorträgen interessanter Persönlichkeiten. Autsch.

Ich hoffe, es ist die letzte Nachwehe meines 90er Jahre Abenteuers… Meine Lektion: ich habe mir einen Wecker gekauft und mache handschriftliche Notizen. Lach, ist klar. Ich habe mir ein neues Handy bestellt. Rein prophylaktisch. Sollte mich jemand auf einem Event vermisst haben, weiß er jetzt warum. Da sich allerdings kein Mensch gemeldet hat, werde ich einfach künftig öfter das Handy weglegen, um im Fall der Fälle die Stille wirklich besser genießen zu können.

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