Flaca

interview

09. Oktober 2019

die kunst der provokation

Knallige Farben, schrille FuckYou - Texte, nackte Frauen und religiöser Symbolik. Eine brisante Mischung, die Talent erfordert, um Missverständnisse zu vermeiden. Wer solche Bilder macht, polarisiert stark und will damit sicherstellen, dass die Message dahinter auch ankommt.

Das erste Mal sah ich Flacas Arbeiten in der Popup Galerie Nachtbrötchen. Mir war sofort klar: Mit diesem Menschen muss ich sprechen, das wird interessant. Glücklicherweise lief ihre Ausstellung ‚Heavenly Creatures‘ noch und so konnte ich mir ihre Finissage nicht entgehen lassen. Ich traf die Künstlerin im Bunker K101, sie war glücklicherweise zu einem spontanen Interview bereit und erzählte mir etwas über ihre wichtige Botschaft.

"Kirche, Dominastudio, Bunker..."

Flaca, ich habe ein bisschen über deinen autodidaktischen Werdegang gelesen. Was hast Du vorher gemacht und wie bist Du zur Kunst gekommen?

Ich bin in Venezuela geboren, im Alter von 10 Jahren nach Deutschland gekommen. Da ich gut zeichnen konnte, fing ich nach dem Abitur im Rahmen eines Praktikums bei einem Architekten an. Ich war dort unter anderem für die Zeichnung der Baupläne verantwortlich. Die waren so zufrieden, dass aus dem Praktikum eine zweijährige Beschäftigung wurde.

Während dessen gab es auch die Überlegung Architektur zu studieren, aber das hätte mir keine wirkliche Freiheit gelassen. Ich wollte beruflich unbedingt etwas mit Kunst machen, da ein klassisches Kunststudium damals aus vielerlei Gründen aber nicht in Frage kam, verwarf ich den Gedanken erstmal. Ich reiste in meine Heimat, sammelte Eindrücke und verarbeitete sie in meinen Bildern.

Ich habe in dieser Zeit pausenlos gearbeitet und die Werke regelmäßig im Internet gepostet. Ein Freund von mir machte einen ihm bekannten Galeristen auf mich auf- merksam. Als dieser meine Bilder sah, bot er mir sofort eine Ausstellung an.

In Deinen Werken behandelst Du hauptsächlich Emanzipation und Selbstbestimmung der Frau. War das vor zehn Jahren schon so oder hat sich Dein Fokus verändert?

Das war schon immer mein Thema. Ich stamme aus einer Familie mit vielen weiblichen Mitgliedern, die durch Umstände, welche das Leben mit sich bringt, stark sein mussten. Die Frauen in meiner Familie kämpften ständig darum, ihre Kinder zu ernähren und sich selbst zu behaupten. Ich habe schon als jungen Mädchen gemerkt, dass das Leben manchmal nicht spielt, wie erhofft.

Viele Frauen arbeiten bis zur Erschöpfung und bekommen noch immer weniger Geld als die Männer. Nach wie vor ist das auch in Deutschland ein aktuelles Thema.
Meiner Großmutter, bei der ich aufwuchs, war es darum wichtig, mir zu vermitteln, dass ich eine starke Persönlichkeit bin und mich durch nichts und niemanden unterkriegen lasse. Das halte ich mir immer vor Augen und es fließt natürlich auch in meine Arbeit mit ein.

Und die Arbeitstechniken?

Die haben sich in den zehn Jahren sehr verändert, ich habe viel dazugelernt und mich technisch weiterentwickelt. Das gelang mir auch durch viele Leute, unter anderem Fotografen, Grafiker und Künstler, die ich kennenlernte und mit denen ich gearbeitet habe. Diese Entwicklung ist mir wichtig, denn ich bin ehrgeizig und wenn ich mich an einem Thema festbeiße, dann fällt es mir leicht, dazuzulernen.

Du stammst aus einem katholisch geprägtem Land. Wie steht Deine Familie zu dem, was Du machst? Nicht selten verbindest du religiöse und sexuelle Motive ...

Ich bin, wie gesagt, bei meinen Großeltern aufgewachsen. Die waren sehr liberal, offen und trotz tiefer religiöser Überzeugung, kritisch der Kirche gegenüber. Vor allem in unserem Heimatland ist dies ein schwieriges Thema.

Meine Familie befürwortet meine Herangehensweise, gesellschaftliche Themen auf diese Art zu hinterfragen, zu kritisieren und zum Nachdenken anzuregen. Daher standen sie von Anfang an hinter mir und haben mich glücklicherweise unterstützt.

Hast Du häufig mit Leuten zu tun, die Deine Botschaft nicht verstehen, sondern voreilige Schlüsse ziehen?

Ja, das ist mir letztens auf einer Kunstmesse passiert. Ein Mann sprach mich an, wie sehr es ihn überrasche, dass ich eine Frau sei. Irgendwie wäre er davon ausgegangen, ich sei ein Mann, der hinter diesen Bildern stecke und er hätte sie als sexistisch empfunden. Jetzt, da er wisse, dass eine Frau die Künstlerin ist, finde er sie gut. Hätte er sich mit der Botschaft dahinter beschäftigt, wäre mein Geschlecht erstmal egal gewesen.

Dabei ist es doch ganz einfach: Wir Frauen sind nun mal hübsche Wesen. Wieso sollten wir das verstecken und nicht für unsere Zwecke nutzen? Weil jemand komische Gedanken kriegt? Diese Message muss ankommen, egal, von wem die Kunst gemacht wird. Das kann nur bei kritischer Auseinandersetzung und unvoreingenommener Herangehensweise geschehen.

Ich habe gelesen, dass Du in einem Domina Studio ausgestellt hast, was ja schon sehr nicht alltäglich ist. Planst Du weitere ungewöhnliche Ausstellungsorte?

(Flaca lacht) Also nach einem Dominastudio fällt das schwer...
Heute sitzen wir in einem Bunker, so normal ist das auch wieder nicht. Aber das Dominastudio ist ohnehin nicht zu toppen, das war schon ziemlich verrückt, ich denke nicht, dass da noch viel kommen kann.... (Sie überlegt kurz) Obwohl doch. Ich habe mal ich einer Kirche ausgestellt...

Wie bitte?? (Wir müssen beide lachen)

Ja, da wurde ich in eine katholische Kirche eingeladen. Ich habe mich gefreut, dachte mir aber „Okaaay, haben die sich meine Bilder überhaupt angeguckt??“
Also Kirche, Dominastudio, Bunker. Um Deine Frage zu beantworten: Nein, mir fällt grade nichts ein, aber wenn etwas Außergewöhnliches kommt, werden wir es sehen.

Das kann spannend werden. Halt mich bitte auf dem Laufenden. Gibt es ein anderes Thema außer die weibliche Emanzipation, welches Dir auf der Seele brennt und Du künstlerisch aufarbeiten wirst?

Der Mensch als solcher wird für mich immer ein Thema bleiben. Frauen sowieso und da möchte ich mich in Zukunft auch noch weiterentwickeln. Ich habe für nächstes Jahr eine Videoinstallation geplant mit Alessandro de Matteis, einem bekannten Künstler und Fotografen hier in Köln, die Installation heisst 'In Corpus'. 

Wir werden uns zusammen stärker auf den Menschen im Allgemeinen konzentrieren. Der Betrachter der Installation soll sich mit dem Menschen verbunden fühlen, unabhängig von Geschlecht, Religion, Rasse, Herkunft, Handicap. Am Ende sind wir alle gleich.

Eine wichtige Message, aktueller denn je. Hast Du mit venezolanischen Künstlern Kontakt?

Wenig. Allerdings hat mich ein venezolanischer Künstler der ArtMuc jetzt kontaktiert und wir werden uns treffen. Darauf freue ich mich.

Ich habe viel Kontakt zu südamerikanischen Künstlern, die hier in Deutschland leben und letzten Sommer eine Gruppenausstellung organisiert mit Künstlern aus Südamerika.

Wann warst Du das letzte Mal dort?

Letztes Jahr im Sommer.

Hast Du dort ausgestellt?

Nein, ich gehe dort ausschließlich hin, um mich zu erholen, die Familie zu treffen und mir neue Inspirationen zu holen. Im Speziellen fotografiere ich Pflanzen. Das ist dort meine Hauptbeschäftigung.

Apropos Inspiration: Woher kommt sie? Woher kommt Deine Kreativität?

Mich inspirieren verschiedene Sachen: ein Lied, das ich grade sehr mag oder ein Film. Da ich Pop Art mache interessieren und inspirieren mich aktuelle Dinge. Ich lese und informiere mich viel. Zum Beispiel bei meiner Serie ‚Food Revolution‘ hat mich das Thema Lebensmittelverschwendung interessiert. Es hat mich beschäftigt, ich habe recherchiert und mir überlegt, wie ich es darstellen kann, auf den Punkt bringen?

Wenn man über die Ausbeutung des Planeten nachdenkt, ist es unumgänglich, dass die Natur sich rächen wird. Inspiriert mich ein Lied, informiere ich mich über die Gruppe. Ich habe schon Musiker angeschrieben und denen direkt mitgeteilt, dass deren Musik mich begeistert. Eine wichtige Quelle ist jedoch die Natur mit ihren Farben und Formen.

Wo geht’s als nächstes hin?

Zuerst jetzt nach München zur ArtMuc vom 17.-20- Oktober und anschließend nach Halle vom

23. - 24. November 2019 auf der Kunst Messe HALART.

Flaca, vielen lieben Dank für das spontane Interview und die Einblicke in Deine Welt.

Sehr gerne.

Flacas Homepage: Flacas-art.de

Fotos © Flaca 

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