INTERVIEW 

PATRIZIA CASAGRANDa

WENN AUS NOT KUNST WIRD 

9. Januar 2020

In nur 4 Jahren erreichte die Künstlerin Patrizia Casagrande beachtlichen Erfolg in der internationalen Kunstszene. Ihr Fokus ist der Humanismus und die Entstehung ihrer Bilder führt einem die Bedeutung des Wortes fast schmerzhaft vor Augen: Die Künstlerin porträtiert wunderschöne Mädchen. Ihre Werke bestehen aus Abfall – Abfall, der eben diesen jungen Frauen am untersten Ende der indischen Gesellschaft das Überleben ermöglicht. Die Deutsch- Italienerin reist nach Indien und besucht dort die Slums der bekannten Kalbelia- Kaste, was übersetzt „die, die die Schlangen lieben‘ heißt. Die Kaste gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO, doch ihre Mitglieder leben oft in bitterster Armut.

Ich traf die bodenständige Künstlerin zum Interview in der Düsseldorfer Part2Gallery und sprach mit ihr über ihre Bilder, die Nähe von Glück und Leid, und ihre Pläne.

Patrizia, Du bist seit 2015 freischaffend und in dieser vergleichsweise kurzen Zeit recht erfolgreich mit Deinen Arbeiten. Wie kam es genau dazu?

 

Ich habe damals als Grafikerin gearbeitet. Durch interne Veränderungen wurden Stellen gekürzt, auch meine und da entschied ich mich, den Sprung in die Kunst zu wagen. Man kann also sagen aus einer Notsituation heraus.

 

Das ist ja schon sehr ungewöhnlich, dass jemand aus einer finanziellen Notsituation heraus beschließt mit seiner Kunst durchzustarten und dann auch noch auf Anhieb erfolgreich ist.

Mit dem Künstlerberuf verbindet man jetzt nicht unbedingt berufliche Sicherheit. Hattest du keine Bedenken, dass es nicht so klappt?

 

Das stimmt, ich hatte einen ungewöhnlichen Start. Hierbei sei erwähnt, dass ich zu dem Zeitpunkt bereits mein ganzes Leben Kunst gemacht habe: mit 13 Jahren lernte ich Ölmalerei bei Thomas Dürr in Stuttgart, studierte Design an der FH Niederrhein und besuchte Malakademien in Nizza. Als Grafikerin arbeitete ich u. a. für Günther Uecker und Markus Lüpertz. Es war also schon eine langjährige Entwicklung, und dieser Sprung ein logischer Schluss.

Mein Glück war vor vier Jahren, dass ich einen sehr guten Freund hatte, der sich in der Kunstszene auskannte. Er motivierte mich und bot mir seine Unterstützung an. Da es nichts zu verlieren gab, beschloss ich ins kalte Wasser zu springen und habe dann zehn meiner Arbeiten einer Galerie vorgestellt, die Art Galerie Wiesbaden. Die haben dann innerhalb von zwei Monaten vier Bilder verkauft. Da habe ich gemerkt, dass meine Arbeiten die Menschen ansprechen und seitdem arbeite ich freischaffend.

Wow. Das ist ein guter Start, davon höre ich relativ selten.

Deine Werksreihe ‚1001 Nacht‘ hat viel Aufsehen erregt. Du hast dich von indischen Mädchen aus ärmsten Verhältnissen inspirieren lassen, die Müll sammeln, verkaufen und davon leben. Bist du mit einem konkreten Plan deiner Kunst nach Indien geflogen oder hat sich die Idee dort entwickelt?

Nein, die Idee kam mir dort. Der zuvor erwähnte Freund lebt dort und hatte mich eingeladen. Er hat viele Kontakte zu indischen Künstlern, arbeitet mit ihnen und man traf sich morgens zum Tee. So kam auch der Kontakt zu den einheimischen Mädchen zu Stande. Ich habe sie dann in den Slums besucht und das war hart: ein kleines Zimmer für 10 Personen, die fast nichts besitzen, außer ein wenig Geschirr und das Notwendigste. Ihre Arbeit besteht aus Müllsammeln und verkaufen.

Man muss wissen, dass es dort keine Müllabfuhr gibt, wie bei uns. Es ist ein sehr einfaches Leben, in dem nicht das geringste organisiert ist. Die Kinder laufen die Viertel ab, schauen was sich weiterverkaufen lässt und sammeln dies ein. Unvorstellbar für uns. Nach Feierabend ziehen sie in kleinen Gruppen mit Trommel und Tanz durch die Straßen. Sie haben so eine positive Ausstrahlung, so viel Lebensfreude trotz des Elends, es macht einen demütig. Das alles hat mich sehr inspiriert und so ist die Idee für meine Arbeiten entstanden.

Unvorstellbar für uns. Gab es ein Schicksal, dass dich besonders berührt hat?

 

Eines war wirklich heftig. Ein Mädchen war besonders introvertiert und ich habe an ihrem Verhalten gemerkt, das etwas nicht stimmte, sie sprach auch nicht. Ich habe dann gehört, dass sie wohl zu Besuch bei einer anderen Familie war und dort wohl etwas vorgefallen ist. Auch wenn man sich leider denken kann, in welche Richtung das geht, gibt es dort keine Instanz für sowas, die wirklich hilft. Leider ist das dort Alltag und sowas nimmt einen dann schon sehr mit.

Sowas kenne ich nur aus Zeitung. Es selbst zu sehen und die Mädchen zu erleben, stelle ich mir unglaublich hart vor…

 

Das stimmt. Um dort wenigstens etwas zu helfen, gehen 50€ pro Verkauf an das jeweilige Mädchen. Bei einem Monatsverdienst von 100€ ist das dort sehr viel Geld.

Viele sparen das Geld um sich in eine höhere Kaste einzuheiraten und dem Elend zu entkommen. Regulär werden die jungen Frauen dort von der Familie aus verheiratet, mit einem Mann aus der gleichen Kaste.

Hast zu Kontakt zu den Mädchen?

 

Ja. Ich habe kürzlich von einem Mädchen gehört, dass sie eine Ehe ablehnen durfte, weil sie jetzt das Geld hat und sich den Mann aussuchen kann.

 

Man würde gerne mehr tun und allen helfen, was natürlich schwierig ist. Dennoch schön zu hören, wenn das Projekt den Frauen dort eine bessere Zukunft ermöglicht.

 

Deine Arbeiten sind aus verschiedensten Materialen. Stammen die von dort?

 

Ja, das sind alte LKW Planen, alte Cartoons, Leinen, Holzplatten, Jutesäcke. Plastik nehme ich nicht, aber sonst alles, was die Mädchen dort sammeln und weiterverkaufen.

Den Werken ist anzusehen, dass deine Technik sehr aufwendig ist. Welchen Techniken bedienst du dich genau und wie lange brauchst du für ein Bild?

 

Ich arbeite wirklich sehr vielfältig: mit Malerei, Graffiti, Gipsabdrücke und Schablonentechniken baue ich verschiedene Schichten auf und zerstöre sie teilweise wieder, in dem sie verschiedene Prozesse der Verwitterung durchlaufen. Das sind bis zu 15 verschiedene Schichten und es dauert schon mehrere Wochen bis ein Werk fertig ist.  Aber ich arbeitete immer parallel an verschiedenen Sachen, vor allem, wenn ich neue Materialien und Verfahren ausprobiere. Das ist immer sehr spannend.

 

 

Deine neue Serie ‚Belief‘ zeigt ebenfalls Frauen. Was hat es damit genau auf sich?

 

Ja, das sind Kollagen. Frauen sind wieder im Mittelpunkt und diesmal sind es Celebeties. Sonst Werbegesichter für Luxusmarken, habe ich Stars inszeniert, um für Humanismus zu werben und auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen.

 

Der Humanismus ist für dich sehr wichtig bei deiner Arbeit. Wir es auch bei zukünftigen Arbeiten der Fokus sein?

 

Darüber hinaus beschäftigt mich der Planet und sein Schutz. Inspiriert hat mich die Arbeit eines Freundes, der Insektenforscher ist. Es wird interessant diese Richtung weiter zu entwickeln, konkretes kann ich dazu aber noch nicht sagen. Vor allem wie ich das technisch umsetzen werde, bleibt abzuwarten.

 

Kommen wir zu Deinem nächsten Highlight: Du nimmst an der Art Basel Miami Beach im Dezember teil und ich habe mitbekommen, dass du schon im Vorfeld dort einiges verkauft hast. Zu diesem Erfolg darf man dir gratulieren. Die Art Basel gilt als DIE Messe schlechthin, viele Künstler träumen davon, mal dabei zu sein. Wie kam es zu deiner Teilnahme?

 

Meine Galerie Contemporary Art Projects USA hat im Vorfeld an der Art Santiego teilgenommen, dort schon meine Bilder ausgestellt und auch etwas verkauft. Die Galeristin war total begeistert, wie gut meine Sachen ankommen und hat mich gefragt, ob ich in Miami dabei sein möchte. Da das natürlich eine riesige Chance ist, habe ich sofort zugesagt.

 

Es bleibt auch in Zukunft spannend bei dir, ich wünsche auch weiterhin viel Erfolg und bedanke mich für das Interview.

 

Sehr gerne, hat mich gefreut.

Informationen zur Künstlerin und ihre nächsten Ausstellungen: Patrizia Casagranda

Bildmaterial © Patrizia Casagranda/ 

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