interview

ralf buchholz

über trump, pinke schuhe und die documenta 14 

Ehemals Student der Düsseldorfer Kunstakademie, welche ihn unehrenhaft rausschmiss, stieg Ralf Buchholz, nach einer Karriere im Vertrieb, wieder in die Kunst ein. Fast 40 Jahre später. Mit seiner Installation ‚Where do you come from‘ setzte er sich für Flüchtlinge ein. Sie ging um die Welt und schaffte es schließlich zur documenta 14.

Ich traf den Künstler bei seinen Vorbereitungen zur jüngsten Ausstellung 'On different Art Trails 3.0' in Düsseldorf.

Ralf, Du hast schon früh mit der Kunst angefangen und warst auf einem guten Weg. Dabei hat Dein Werdegang eine jähe Unterbrechung erfahren, als Du von der Kunstakademie geflogen bist. Wie war das damals?

 

Ich hatte immer schon Lust auf Kunst, Zeichnen und Karikaturen, waren damals meins. Ich habe schulisch auf das Ziel hingearbeitet und bin auch an der Kunstakademie angenommen worden. Leider gab es ‚unüberbrückbare Differenzen‘ mit einem Professor und die Akademie kam meiner Bitte, wechseln zu dürfen nicht nach. Ich hatte eine andere Vorstellung von den Dingen, unsere Meinungen gingen sehr weit auseinander. Dann kam es an dem besagten Vormittag zu einer Eskalation, nach der ich die Akademie unverzüglich verlassen musste. Da war ich grade zwei Monate eingeschrieben und stand plötzlich vor dem nichts.

 

 

Deine Arbeit als Künstler hat länger pausiert?

 

Ja, ich habe mir dann einen seriösen Beruf gesucht, Industriekeramiker, dachte, es wäre auch eine kreative Beschäftigung und, dass ich vielleicht darüber in die Kunst komme.

Kurz gesagt, dem war nicht so. Nach der Ausbildung war mir klar, dass ich es nicht mein ganzes Leben machen möchte.

Ich begann bei einem Elektronikunternehmen und hatte das Glück, schnell aufzusteigen. Nach einer kaufmännischen Ausbildung an der Abendschule, habe dann 35 Jahre im Vertrieb, Marketing, Presse sowie Öffentlichkeitsarbeit gearbeitet. 2011 kam der erste Burn Out, 2013 der zweite. Als klar war, dass ich mich aus dem bisherigen Berufsleben, zurückziehen musste, wusste ich sofort, wohin der Weg diesmal endgültig führen wird.

 

Zurück zur Kunst ...

 

Ja, bereits Ende 1998 gab es in Erkrath eine Ausstellung mit sieben Kunststudenten der Kunstakademie. Die suchten nach einem lokalen Künstler, der aus der Stadt kam. Ich habe mich beworben und bin genommen worden. Das war erste Ausstellung nach all den Jahren und sie war eine Katastrophe. Die Studenten waren auch für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, die nicht stattfand. Es erinnerten nur 2 brennende Ölfässer auf der Straße daran, dass die Halle nicht verlassen war. Totaler Flop, obwohl es eine tolle Ausstellung war und bestimmt sehenswert.

Danach ging es in einzelnen Künstlergruppen weiter, aber das reichte mir nicht, die waren zu steif. Ich wollte mehr, vor allem verrückte Sachen, die Aufmerksamkeit erzeugten.

2009 gründete ich dann, mit einem befreundeten Fotografen, selbst eine Künstlergruppe, die ‚Neanderart Group‘. Anfangs mit lokalen Künstlern, öffneten wir bald die Gruppe für alle aus der Umgebung.

Was uns unterscheidet, ist, wir haben keinen Vereinsstatus. Jeder kann sich unkompliziert einbringen und die Gruppe auch genauso schnell wieder verlassen. Wir haben keine Bürokratie, keinen Schreibkram. Das schafft viel mehr Raum, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, nämlich die Kunst.

 

 

Wie viele Mitglieder seid Ihr momentan?

 

Aktuell 25 Mitglieder, in allen Sparten der bildenden Kunst: Malerei, Bildhauerei, Fotografie. Eine Mischung aus ehemaligen Kunstakademie- Schülern und Autodidakten. Das harmonisiert sehr gut. Uns ist wichtig, dass es nicht, wie in vielen anderen Kunstvereinen, mit Hauen und Stechen zugeht. Bei uns kann sich jeder mit seiner Kunst einbringen und dennoch sein eigenes Ding machen, ich organisiere auch meine eigenen Ausstellungen und Events. Mein Klassiker sind die Ausstellungen in Telefonzellen.

 

Als Künstler bist du extrem vielseitig: Malerei, Skulpturen, Collagen. Wodrauf konzentrierst du dich momentan und woher kommt deine Inspiration?

 

In erster Linie habe ich über 30 Jahre nichts machen können und da ist ordentlich Dampf unterm Kessel. Trotzdem gibt es gelegentlich, wie bei Schriftstellern auch, eine Blockade. Dann gehe ich weg von der Malerei, zum Beispiel zur Fotografie. Diese Freiheit, das Genre zu wechseln, nehme ich mir und das tut gut. Bei mir hat sich mit der Zeit die Collage entwickelt, weil die extrem vielfältig ist, aber unterschätzt wird. Der Schaffensprozess ist komplizierter, man überlegt genau, wie es sein muss, um die Aussage auf den Punkt zu bringen. Mich inspirieren aktuelle, brisante Themen aus Politik beispielsweise.

Ralf Buchholz - 'Goodbye America first', Collage

Deiner Arbeit trägt stets eine politische Message. Kunst ohne Politik – für dich denkbar bzw. erlebenswert?

 

Kunst ist immer politisch und hat immer eine Ansage. Ich habe damals noch den Künstler Joseph Beuys miterlebt, der hat seine politische Meinung geäußert. Diese Themen müssen angesprochen werden. Ich habe noch nie so viele Arbeiten von einem Politiker gemacht, wie von Donald Trump. Er ist für mich eine absolute Reizperson. Ich halte ihn für gefährlich und es ist mir ein Bedürfnis, diese Ansicht auf Papier zu bringen und ihn damit anzuklagen. Um nochmal auf Deine Frage nach der Inspiration zurückzukommen: Wenn mich ein Thema so beschäftigt, habe ich sehr schnell ein Bild im Kopf und dann entstehen die Werke fast von alleine.

 

 

Deine letzte Collage von Trump ist ausgerechnet nach Amerika verkauft worden ...

 

Ja, sie zeigt den ertrinkenden Trump, wie er noch die 'America first' - Medaille hochhält, die Fische schwimmen von ihm weg, er ist alleine in einer öden Landschaft. Ötzi läuft an ihm vorbei, würdigt ihn eines verachtenden Blickes, da die Menschheit offensichtlich nicht viel gelernt hat.

Deine Installation mit dem Titel ‚Where do you come from?‘, bestehend aus 200 pinken Schuhen, ging um die Welt. Wie kam dieses Projekt ins Rollen?

 

Im September 2014 habe ich traumatisierten Flüchtlingskindern ich einem Heim Malunterricht gegeben. Das fand einmal wöchentlich statt und die anfangs scheuen Kinder wurden immer zutraulicher und haben mir ihre Geschichte von Krieg und Flucht erzählt. Es sind schon bewegende Schicksale darunter. So was gibt die platte Berichterstattung nicht wieder, das ist ganz weit weg von vermeintlichen Sozialschmarotzern.

Ich habe mich gefragt, wie dreckig es mir gehen muss, dass ich mein Land, meine Familie, meine Kultur verlasse und mich in eine, mir fremde und mich argwöhnisch beäugende, feindlich gesonnene Umgebung flüchte, ohne zu wissen, was mir diese Zukunft genau bringt? Die Antwort auf die Frage ist bitter und mir kam die Idee zu dieser Installation mit den Schuhen.

 

Einmal im Jahr machen wir eine Vernissage in Erkrath, die ‚Art in the Park‘ und da wollte ich mit linken Schuhen ein großes Peace- Zeichen ausstellen. Ich hatte an dem Tag die Schuhe von 38 Bekannten mit Graffiti Spray pink angesprüht, und da es regnete, war ich nicht nur der einzige Aussteller, es kamen leider nur 7 Besucher an dem Tag.

 

Mir gefiel jedoch die Idee so gut, dass ich weiter Schuhe gesammelt habe und die damalige Direktorin vom K21 anrief und kurzerhand nachfragte, ob ich am Grabbeplatz vor der Kunstsammlung 80 pinke Schuhe ausstellen darf. Wir erhielten die Erlaubnis, also lud ich am Tag der Ausstellung den lokalen Fernsehsender Center TV ein und die Dinge fingen an, ihren Lauf zu nehmen. Die Resonanz und das öffentliche Interesse waren riesig, das Fernsehen kam tatsächlich und berichtete drüber. 

Verschiedene Zeitungen haben darüber berichtet. Ich habe gelesen, dass auch Promis an der Aktion teilnahmen?

 

Ich hatte bei Prominenten angefragt, vor allem bei denen, die für soziale Aktionen bekannt waren. Die Ausbeute war ernüchternd: Nur 10 von ca. 66 Anfragen wurden beantwortet.

 

 

Immerhin. Wer war dabei?

 

Der erste Promi- Schuh, den ich bekommen habe, war von Thomas D von ‚den fantastischen Vier‘. Der war ganz spontan und schickte mir einen alten, ausgelatschten Turnschuh von sich mit Autogramm.

Sehr coole Aktion von ihm. Wie ging es dann weiter?

Signierter Turnschuh von Thomas D

Foto: Ralf Buchholz

Es folgte eine Ausstellung am Düsseldorfer Landtag und die Sache nahm weiter Fahrt auf. Mir wurden, durch die öffentliche Aufmerksamkeit, immer mehr Schuhe zugeschickt. Ich habe dann limitiert auf 200 Stück. Das sind 6-7 Bananen Kisten und das ist für den Transport ne Menge.

Als dann die Urlaubszeit kam, bin ich von den Ersten gefragt worden, ob die einen Schuh mit in dem Urlaub nehmen können. Die Idee, dass die Schuhe alle sieben Kontinente der Welt bereisen, hatte mich sofort ergriffen. Das war dann das Ziel. Ich selbst habe welche nach New York mitgenommen und vor Ground Zero, der Freiheitsstatue und in Ellis Island, ausgestellt.

Wie fühlt sich es an, wenn man Bilder aus aller Welt von der eigenen Installation sieht?

 

Gänsehaut. Unbeschreiblich einfach.

Es kam anschließend ein Kontakt zu Regisseur Tim Leonhard zustande. Er wurde auf die Installation aufmerksam und das passte, denn die suchten für ein neues Format bei West Art solche Geschichten. Nach einigen Wochen bekam ich die Zusage für einen Live- Auftritt bei West Art. Ich war natürlich völlig aus dem Häuschen vor Freude, gleichzeitig wuchs die Nervosität, denn es war eine Life Sendung.

West Art hat die geladenen prominenten Gäste gebrieft, die sollten einen linken Schuh von sich mitbringen, welche live angesprüht werden sollten. Die Gäste waren der Hammer: Mariele Millovic, Clueso, Sebastian Pufpaff und Jan Philipp Zymny. Die Sendung war riesiger Erfolg und hat viele Leute erreicht.

Fotos von der Reise der Installation, sowie ihrer Ausstellung bei der documenta 14, gibt es hier!

Ralf Buchholz (ganz rechts) bei seinem Live- Auftritt in der Sendung West Art Live im WDR Fernsehen am 7. November 2016

Foto: Markus Luigs 

Und wie kam die Installation zur Documenta 14?

 

Einige Tage nach dem TV Auftritt bekam ich einen Anruf vom Organisationsteam der Documenta. Sie sei diesmal sehr von politischen Themen geprägt und meine Installation passe da gut rein. Der Witz war, ich hatte mich zwei Jahre vorher bei der Documenta beworben und wurde abgelehnt, mit der Begründung, Sie suchen sich ihre Künstler selber aus. Man könne sich nicht bewerben.

 

Leider gab es organisatorisch das Problem der Präsentation. Die hatten keine Art Absperrung und konnten auch nicht extra dafür Sicherheitsleute abstellen.

Da kam mir die Idee, einen Tag komplett auszustellen und am Ende dieses Tages eine Verlosung der Schuhe anzubieten. So hatte jeder die Chance auf einen Original- Schuh der Installation. 86 Schuhe sind verlost worden und mit dem Rest bin ich nach Hause gefahren, die wurden nach und nach verlost, auf anderen Veranstaltungen. 20 Schuhe sind bis heute übrig geblieben.

 

20 hast du noch?

 

Ja, das sind auch welche drunter, von denen ich mich schlecht trennen kann. Zum Beispiel der von Clueso.

 

Der von Thomas D ist weg?

 

Ja, der ist an einen riesigen Fan gegangen und da hat jemand einen ordentlichen Luftsprung gemacht.

Was möchtest du jungen Künstlern auf den Weg mitgeben?

 

Kunst hat natürlich was mit Können zu tun. Aber auch was mit Glück. Zur rechten Zeit am rechten Ort, musst Du jemanden treffen, der Dein Potenzial erkennt, Dich fördert und nicht ausbeutet. Dann stehen dir in der Kunst alle Türen offen. Das ist nicht immer eine Frage von Akademieabschluss, Galeristen, Kunststil. Wichtig sind Initiative und Begegnungen, damit sich aus einer kleinen Sache plötzlich etwas entwickelt, das zu einem Riesending wird und man sich sagt, kneif mich mal, ich träume grade. Das ist genau das, was mir an der Kunst Spaß macht.

 

 

Du arbeitest sehr viel mit Autodidakten. Was ist Kunst für Dich?

 

Meine ersten Bilder hab ich mit 18 gekauft und die hängen immer noch bei mir zu Hause. Ein Zeichen dafür, dass man der Kunst nicht leid wird, die einem gefällt. Für mich gehört ein Bild an der Wand in jeden Haushalt, das macht eine Wohnung wohnlich, interessant, kann auch konträr zur Einrichtung sein. Das ist das Tolle an der Kunst, die darf alles, hat keine Grenzen. Aber das ist meine Auffassung, jeder sieht es anders, viele würden mir wiedersprechen. Deshalb organisiere ich Ausstellungen, wie auch hier in der Parkkultur die ‚Art on different trails 3.0‘ mit Künstlern, die ich noch gar nicht kenne. Die Parkkultur ist seit drei Ausstellungen eine Plattform für ganz unterschiedliche Charaktere, sowohl Kunstakademie Absolventen, als auch Autodidakten.

 

 

Du kuratierst die Ausstellung ‚On different art trails 3.0‘* ?

 

Nein, ich kuratiere nicht, ich bin nicht der heilige Inquisitor. Ich bringe Kunst und Menschen zusammen. Mir geht es auch nicht um Verkäufe, auf Teufel komm raus. Mir geht es um den Spaß an der Sache und das die Leute, ob Interessent oder Künstler, glücklich nach einem Event nach Hause gehen.

Gerät man eigentlich unter Druck wieder an Erfolge anzuknüpfen Stichwort ‚pinke Schuhe‘?

 

Nein, das kannst Du nicht auf Knopfdruck. Irgendwann komm wieder eine Idee und man startet durch. Wobei so ein Ding, wie mit den Schuhen, gelingt nur einmal im Leben, davon bin ich überzeugt. Eigentlich hätte ich mich danach zur Ruhe setzen müssen.

 

Schön, dass du es nicht getan hast. Vielen Dank für dieses Interview, Ralf.

* Ausstellung ‚On different art trails 3.0‘ vom 25.10. - 13.11. in der Park Kultur, Oststr. 118, 20111 Düsseldorf

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