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INTERVIEW

THOMAS BAUMGÄRTEL

3. Februar 2020

WENN DER STAATSSCHUTZ DREIMAL KLINGELT

Viele Künstler setzen sich für demokratische Werte ein, doch selten riskiert einer in Deutschland dafür Kopf und Kragen. So wie Thomas Baumgärtel: Seine Karikatur Erdogans löste eine Welle gewaltsamen Protestes gegen ihn, seine Familie und Mitarbeiter aus. Dies hält den Street Art Künstler nicht davon ab, sich unbeirrt weiter für die Freiheit der Demokratie einzusetzen und auf politische Missstände dieser Welt aufmerksam zu machen. Ende 2019 fand seine gigantische Ausstellung ‚German Urban Pop Art‘ im Kölner Leskan Park statt. Baumgärtel zeigte 300 teils riesige Werke auf über 2500 Quadratmetern. Dort traf ich den Künstler, und entlockte ihm tatsächlich die genaueren Umstände der ersten gesprayten Banane, seinem unverkennbaren Markenzeichen.

 ©Thomas Baumgärtel "Stay", 2019 

Thomas, Du hast in Zusammenarbeit mit dem Kölner Jugendring eine „bananisierte“ Friedenstaube auf den Kölner Dom gesprüht. Beteiligst Du Dich momentan an sozialen Projekten?

 

Ja, irgendwas läuft immer. Mein Rechtsanwalt hatte mich die Tage angesprochen nochmal einen Container für ein Flüchtlingsprojekt mitzufinanzieren und nächste Woche ist die Art Connection, auch eine Veranstaltung die drauf abzielt, soziale Projekte zu fördern. Es steht regelmäßig was an.

 

 

Hast Du Kontakt zur jungen Sprayerszene, die eher illegal arbeitet?

 

Ja, ja. Zur No Hate Family habe ich Kontakt, die waren vor einigen Tagen hier. Ich habe ein großes hochformatiges Bild für diese Ausstellung mit Kai „Semor“ Niederhausen gesprüht. Ich finde es wichtig mit den Jüngeren in Kontakt zu bleiben. Unglaublich, dass ich nächstes Jahr schon 60 werde, ich glaube, meine Eltern haben sich um 20 Jahre vertan.

 

 

Ich habe gelesen, dass Du Dich an die erste Banane nicht mehr wirklich erinnern kannst. Ab wann hast Du denn beschlossen, das Ganze zu dokumentieren?

 

Ich habe alle meine Bananen fotografiert und dokumentiert, ich kann schon nachvollziehen wo ich was gesprüht habe. Die erste Banane weiss ich nicht mehr so genau… irgendwann bin ich in Köln losgezogen und habe eine Banane gesprüht, ich wusste damals natürlich noch nicht, dass dies ein weltweites Megaprojekt wird.…. (er denkt kurz nach)… doch eigentlich weiß ich es schon noch: die erste Spaßbanane habe ich in der Stadt gesprüht, in der ich aufgewachsen bin. Nachdem ich das Stencil ausgeschnitten hatte, wollte ich es direkt ausprobieren. Ich bin dann an ein Backsteingebäude, wo ich einen Tanzkurs absolvierte. Das gibt es natürlich schon lange nicht mehr. Von dort aus ging es weiter an Museen und Galerien in Köln, das war so 1986. Ab dann ist alles dokumentiert.

Welche Galerie war die letzte, der Du Deine Banane aberkannt und übersprayed hast und warum? Wie war die Reaktion?

 

In der Regel ist es so, wenn ich die Banane gesprengt habe (ich habe eine Schablone mit der spraye ich, dann sieht die gesprengt aus), wird sie danach meist schnell abgewaschen…

Die Reaktionen als solche sind sehr unterschiedlich. Dem Museum Ludwig habe ich eine Banane gesprengt, weil dort nicht vernünftig mit einem Mitarbeiter umgegangen wurde. Später haben die ihre Banane wiederbekommen. Das Leben ist ja auch immer in Wandlung und Veränderung, so dass man später auch neu entscheiden kann.

Im Interview mit der rheinischen Post sagst Du, das auf Deinen Kopf schon mal 100.00 Dollar ausgesetzt waren. Da scheinst Du jemanden extrem verärgert zu haben. Was hat es damit auf sich?

Ich habe vor vier Jahren, um Jan Böhmermann in seinem Kampf gegen Diktatur zu unterstützen, gegen Erdogan im Speziellen, ein Bild gemacht, welches unter die Gürtellinie geht, nämlich wo dieser eine Banane in den Hintern kriegt. Das bezieht klar Stellung, nämlich ‚Fuck you!‘. Das war damals nach dem Putsch. Diese Ausstellung hier spricht sich im Besonderen für Demokratie und gegen Diktaturen aus, vor allem in Ländern wie Türkei und China.

'Mich nicht zu äußern, konnte ich mit mir selbst nicht vereinbaren.'

 

Waren die 100.000$ aufgrund des Bildes ausgesetzt?

 

Ja, genau darum ging es. Viele Freunde waren besorgt und kamen auf mich zu, ob ich das wirklich posten muss. Ehrlich gesagt hatte ich damals auch Angst, was ich sonst nie hatte, denn das Bild ist extrem provokant. Wir haben es hier sehr humoristisch präsentiert.

Jedenfalls war das die Reaktion. Vor vier Jahren habe ich das Werk in Langenfeld ausgestellt, es gab sogar eine Demo und auch die Mitarbeiter wurden bedroht. Leider hat man sich davon einschüchtern lassen und das Bild entfernt, was ich als Zeichen überhaupt nicht gut finde. Dadurch erreicht die Diktatur genau das, was sie mit ihren Gewaltandrohungen bezwecken will.

 

 

Während der Art Karlsruhe kam der Staatsschutz auch zu Dir nach Hause, um Deine Sicherheit zu gewährleisten. Das ist schon recht drastisch: Hast Du mit dieser Tragweite gerechnet?

 

Ja, ich habe das schon gespürt, als es losging. Ich habe mich immer für die Freiheit der Kunst eingesetzt, über 30 Jahre. Und mich dazu nicht zu äußern, konnte ich mit mir selbst nicht vereinbaren. Obwohl meine Frau gesagt hat, hey, Du hast Familie, mach das nicht. Auch Freunde und Nachbarn rieten mir dringend davon ab. Und ausgerechnet dann ruft der Staatsschutz bei meiner Frau an und sagt, dass wir bewacht werden müssen, weil die Drohungen doch etwas zu konkret seien. Dabei blieb es leider nicht, es war bisher insgesamt dreimal der Fall, dass wir unter Staatsschutz standen.

Die Kommentarfunktion auf Deiner Internetseite geht nur bis 2017.  Deine Ausstellung kann nur unter Anmeldung besucht werden. Schutzmaßnahmen als Spätfolgen des Skandals auf der Art Karlsruhe?

 

Ja, man lebt schon anders. Aber diese Regelung mit dem Einlass hat tatsächlich andere Gründe, es geht hier um Auflagen des Bauaufsichtsamtes und Brandschutzmaßnahmen. Ohne dies könnten wir das nicht machen, es ist eine Riesenhalle, die drei Jahre leer stand und wo jetzt eine Riesenveranstaltung stattfindet. Um das öffentlich zugänglich zu machen, wären da nochmal ganz andere Kosten auf uns zugekommen, so dass wir gesagt haben, wir laden ein und führen unsere Gäste gezielt durch die Halle. Man kann sich so auch mehr um die Leute kümmern, es hat seine Vorteile.

Noch ein abschließendes Wort zu dieser Ausstellung.

 

Das ist einfach etwas Besonderes, wobei ich mich auch frage, ob man sowas nochmal im Leben macht. Es ist einfach ein Gesamtkunstwerk. Das allgemeine Feedback ist, dass die Menschen sehr überrascht sind, weil die sowas noch nie gesehen haben und sowas auch nicht erwarten. Höchstens in New York, L. A., London, aber nicht in Köln und schon gar nicht in Dellbrück. Es ist einfach klasse geworden. Ich kam hier rein, in eine dunkle, dreckige Industriehalle und hatte sofort die Idee dafür.

Da ich immer auf Industriegeländen meine Ateliers habe, passt das hier viel besser zu mir und meiner Kunst als ein cleanes, weißes Museum. Die Werke passen hier besser rein und kommen auf schwarz viel mehr zur Geltung, da sie wirklich perfekt ausgeleuchtet sind. 

Eine Ausleuchtung wie hier gibt es selten. Das hat ein Spezialist gemacht, der sonst das Schauspielhaus an der Kölner Oper ausleuchtet, den ich für das Projekt gewinnen konnte. Es sind Riesenformate und große Objekte. Eine große Chance so eine Location nutzen zu können. Mich haben Leute aus den umliegenden Firmen unterstützt, haben Sachen gebaut und sich daran beteiligt. Und es sind natürlich wichtige Themen, die grade anstehen, Bilder von Merkel und Xi Jin Ping, sowie Greta. Es gibt auch ein Bild von dem Aktivisten Joshua Wong, ein Bild, das ich Anfang des Jahres gemacht hatte. Das es jetzt so aktuell sein würde und die Gewalt in Hongkong so eskaliert, hätte da auch keiner gedacht. Aktueller geht es nicht.

 

 

Vielen lieben Dank für das Interview, Thomas.

 

Gerne, gerne.

Das Bild 'Stay', sowie viele andere Werke des Künstlers Thomas Baumgärtel sind in der aktuellen Ausstellung BANANA FACTS in der Galerie K in Staufen zu sehen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 29.03.2020. (Werbung*)

Weitere Informationen über den Künstler Thomas Baumgärtel: BANANENSPRAYER.DE 

Die folgende Fotos entstanden bei der Ausstellung "German Urban PopArt" © Joanna Kaminska